Jedes Jahr zum Equal Pay Day lesen wir dieselben Schlagzeilen. Es geht um Ungleichheit, um strukturelle Benachteiligung, um Zahlen, die zeigen, dass Frauen im Durchschnitt weniger verdienen als Männer. Und ja: diese strukturellen Hürden sind real. Sie sind statistisch belegbar, historisch gewachsen und gesellschaftlich tief verankert.
In meiner Arbeit als Karriere-Coach erlebe ich jedoch noch etwas anderes: Frauen haben mehr Einfluss auf ihr Einkommen, als sie selbst glauben.
Es geht nicht darum, strukturelle Ungleichheit kleinzureden. Es bedeutet vielmehr, den Blickwinkel zu erweitern. Neben der gesellschaftlichen Ebene gibt es auch eine individuelle Ebene, und beides hängt miteinander zusammen.
In diesem Artikel gebe ich Tipps, was Frauen selbst tun können, um mehr zu verdienen.
Was ist der Equal Pay Day?
Der Equal Pay Day markiert symbolisch den Tag, bis zu dem Frauen im neuen Jahr rechnerisch „umsonst“ arbeiten, während Männer bereits ab dem 1. Januar bezahlt werden – gemessen am durchschnittlichen Einkommensunterschied. In Deutschland lag der unbereinigte Gender Pay Gap zuletzt bei 16 %. Das bedeutet: Frauen verdienen im Durchschnitt 16 % weniger pro Stunde als Männer. Der bereinigte Gender Pay Gap liegt bei etwa 6 %. Hier werden Faktoren wie Branche, Beruf, Arbeitszeit, Qualifikation und Erwerbsbiografie herausgerechnet. Diese 6 % zeigen den verbleibenden Unterschied bei vergleichbarer Tätigkeit und Qualifikation.
Beide Zahlen sind relevant. Die unbereinigte Lücke zeigt strukturelle Verteilungseffekte. Die bereinigte Lücke zeigt, dass selbst bei vergleichbarer Ausgangslage noch Unterschiede bestehen. Und genau hier liegt der Gestaltungsspielraum, den Frauen nutzen können. Es geht darum, das System zu verstehen und mutig damit umzugehen.
Hier sind fünf strategische Hebel, die Frauen konkret nutzen können.
- Den eigenen Marktwert kennen
Viele Frauen gehen in Gehaltsgespräche, ohne ihren tatsächlichen Marktwert zu kennen. Der erste Schritt ist daher nüchtern und strategisch: Was ist meine Position am Markt wert?
Dazu gehört:
- Recherchieren, welche Gehälter in der eigenen Branche und Region üblich sind.
- Vergleich mit ähnlichen Positionen und Verantwortungsumfängen.
- Realistische Einschätzung von Erfahrung, Spezialisierung und Ergebnisverantwortung.
Eine hilfreiche Quelle ist der Gehaltsrechner des Statistischen Bundesamts:
https://service.destatis.de/DE/gehaltsvergleich/
Wer seinen Marktwert kennt, kann selbstbewusster auftreten und sachlich argumentieren.
- Glaubenssätze hinterfragen und innere Blockaden auflösen
Das ist der Hebel, der am häufigsten unterschätzt wird. Bevor ich andere von meinem Wert überzeuge, muss ich selbst davon überzeugt sein. Die Arbeit an inneren Glaubenssätzen ist deshalb der erste entscheidende Schritt.
Typische Glaubenssätze, die ich im Coaching höre:
- „Ich will nicht gierig sein.“
- „Ich muss erst noch beweisen, dass ich es wirklich wert bin.“
- „Andere sind besser als ich.“
- „Wenn ich gut bin, wird man das schon sehen.“
Diese inneren Überzeugungen beeinflussen, wie wir in Gehaltsverhandlungen und Bewerbungen auftreten und welche Positionswechsel wir anstreben. Viele Männer bewerben sich auf Stellen, wenn sie etwa 60 % der Anforderungen erfüllen. Frauen warten oft, bis sie 80–100 % erfüllen. Dieser Perfektionismus kann teuer sein.
Ein strategischer Umgang mit Einkommen beginnt deshalb nicht mit Verhandlungstechniken, sondern mit innerer Arbeit.
- Strategisch netzwerken
Netzwerke für die eigene Karriere zu nutzen, hat für viele Frauen einen unangenehmen Beigeschmack. Es wirkt schnell taktisch oder unecht. Doch strategisches Netzwerken kann für alle Beteiligten ein Gewinn sein. Die bestbezahlten Positionen werden selten öffentlich ausgeschrieben. Sie entstehen durch Empfehlungen, durch Sichtbarkeit und durch Vertrauen.
Strategisches Netzwerken bedeutet:
- Beziehungen aufbauen, bevor man etwas braucht
- gezielt mit Entscheider*innen in Kontakt sein
- Branchen- und Marktbewegungen frühzeitig mitbekommen
- sich selbst als Expertin positionieren
Viele Frauen investieren stark in Leistung, aber wenig in Beziehungskapital. Doch Karriere entsteht nicht nur durch individuelle Leistung, Kompetenz und Fähigkeiten. Kompetenz ist notwendig, aber nicht ausreichend. Sichtbarkeit und Vernetzung ist der Schlüssel zum Erfolg.
- Die eigene Leistung sichtbar machen
Ein weit verbreitetes Missverständnis ist: Gute Arbeit spricht für sich. Das tut sie nicht. Sie spricht nur dann, wenn sie sichtbar ist. In vielen Organisationen werden diejenigen stärker wahrgenommen, die ihre Ergebnisse aktiv kommunizieren. Nicht übertrieben, aber klar nachvollziehbar, was der eigene Beitrag am Ergebnis ist.
Das bedeutet:
- Ergebnisse konkret benennen (Zahlen, Effekte, Impact)
- Verantwortung sichtbar machen
- eigene Beiträge im Teamkontext nicht relativieren
- in Meetings Position beziehen
Sichtbarkeit ist kein Ego-Trip. Sie ist strategische Selbstverantwortung.
Gerade in männerdominierten Umfeldern wird Durchsetzungsstärke häufig anders bewertet. Frauen reagieren darauf oft mit Zurückhaltung. Doch wer seine Wirkung nicht sichtbar macht, wird bei Beförderungen oder Gehaltserhöhungen seltener berücksichtigt.
- Flexibel sein und mutig Chancen ergreifen
Der vielleicht größte Einkommenshebel ist ein Stellenwechsel. In meiner Coaching-Praxis sehe ich immer wieder, dass Frauen die größten Gehaltssprünge erzielen, wenn sie den Arbeitgeber wechseln. Viele verharren zu lange in einem Umfeld, das sie nicht fördert. Wenn sie das Gefühl haben, übersehen oder bei Beförderungen übergangen zu werden, prüfen wir gemeinsam, ob die aktuelle Position noch die richtige ist.
Manchmal lautet meine Empfehlung dann: „Suchen Sie sich ein Umfeld, das zu Ihnen passt.“ Oder: „Bieten Sie sich aktiv an, eine verantwortungsvolle Aufgabe zu übernehmen.“
Mut bedeutet die Bereitschaft, Chancen zu ergreifen und Verantwortung einzufordern.
Struktur und Strategie gehören zusammen
Der Equal Pay Day erinnert uns jedes Jahr daran, dass strukturelle Ungleichheit existiert. Und es ist wichtig, darüber zu sprechen. Und parallel dazu lohnt sich eine zweite Perspektive: Wo kann ich selbst Einfluss nehmen?
Nicht alles liegt in unserer Hand. Aber mehr, als viele denken. Und vielleicht verschiebt sich der Equal Pay Day schneller, wenn wir beides tun: Strukturen verändern und unseren eigenen Handlungsspielraum konsequent nutzen.
In der Ludwigsburger Kreiszeitung wurde ich zu diesem Thema interviewt. Hier geht’s zum Interview.
